Für Verlage

Auf dieser Seite informiere ich Sie über interessante neue arabische Romane, die einer Übersetzung und einer Veröffentlichung auf Deutsch harren.

 

„Die syrischen Feinde“ von Fawwaz Haddad

Verlag: Riad El-Rayyes Books, Beirut 2014

Gemeint ist mit dem Titel sinngemäß: Das Volk ist der Feind. Dieser Roman ist eine epische Abrechnung mit dem systematischen und brutalen Vorgehen der Assad-Armee gegen die eigene Bevölkerung seit 1982. Er ist Dokumentation und Politthriller, Psychogramm eines Verbrechers aus dem engen Kreis des Regimes und ein Familienroman mit glänzend gesetzten Spannungsbögen zugleich. Wer „den Roman zum Arabischen Frühling“ sucht, hier ist er, erzählt aus syrischer Perspektive.

Fawwaz Haddad ist mit diesem Roman auf dem Höhepunkt seiner literarischen Reife angekommen. Wenige seiner Romane sind so konsequent erzählt und keiner enthält so viele Plots wie dieser. Zudem verbirgt sich hinter jeder Wendung in der Handlung eine weitere, neue Ebenen erschließende Entwicklung, so dass die Spannung nur selten absinkt. Haddad gelingt in diesem Werk eine außerordentlich elegante literarische Sprache, deren lyrischer Ton oft in bedrückendem Gegensatz zu den geschilderten Szenen stehen.

Der Rahmen ist wie folgt gesetzt: Ein Volksaufstand in der Stadt Hama im Februar 1982 wird blutig niedergeschlagen (insoweit eine bekannte historische Tatsache), alle in den Trümmern verbliebenen Einwohner werden zum „Schießstand“ geführt und dort umstandslos hingerichtet (auch dies ist belegt). Unter den Festgenommenen befindet sich ein Arzt, der die Familie eines der an den Erschießungen beteiligten Offiziers früher kostenlos behandelt und ihn zum persönlichen Freund erklärt hatte. Der Soldat rettet dem Arzt daher unter Schwierigkeiten das Leben, was aber lediglich bedeutet, dass dieser nun jahrelang ins Gefängnis kommt, dort fast zu Tode gefoltert wird und eine ausgeprägte Schizophrenie entwickelt.

Hauptmann Sulaiman, eine weitere Hauptfigur in Haddads Roman, hat vorher eigenhändig die Familie des Arztes erschossen, als er sie in den Ruinen der zerstörten Stadt antraf; nur durch Zufall überlebt der Säugling in den Armen der Mutter und wird von Fremden zum Ich-Erzähler, einem Anwalt und Bruder des Arztes in Damaskus, gebracht. Sulaiman, ein ferner Verwandter des Präsidenten Hafiz al-Assad, findet keine Ruhe angesichts der Tatsache, dass der Familienvater und sein jüngster Sohn sein Massaker überlebt haben und trachtet auch Jahre später noch danach, beide zu finden und auszulöschen. Er steigt in der Hierarchie des Regimes zunächst beständig auf und gelangt in den engsten Kreis um den Präsidenten. Dies ist auch einem Verrat zu verdanken, den er begangen hat, indem er 1970 einen wiederum verwandten Verschwörer auslieferte, durch welchen Assad seine Machtergreifung absichern konnte.

Verrat und prinzipienlose Führertreue werden zum Markenzeichen Sulaimans, der einst vergeblich versucht hatte, Bauwesen zu studieren. Am Ende wird er damit betraut, auch die Aufstände von 2011 mit Spezialoperationen niederzuschlagen. Hier treten auch der Arzt und sein mittlerweile erwachsener Sohn wieder auf…

Die Szenen von Hama im ersten Teil des Romans wirken wie eine Wiedererstehung des Warschauer Ghettos. Die Bilder sind drastisch, der grenzenlose Zynismus der Armee-Schlächter in jeder Weise bedrückend. Trotz dieser erzählten Atmosphäre ist Haddad hier zuweilen literarischer als in den meisten Teilen des „Blutigen Himmels“, etwa wenn er Landschaften im Morgengrauen beschreibt, deren Poetik einen krassen Kontrast zum Geschehen bildet. Auch sind die Charakterisierungen der Protagonisten einfühlsamer und die Verwickeltheit der Situationen überzeugender als in anderen Romanen des Autors.

Breiten Raum nehmen zudem die Konkurrenz unter verschiedenen Armee- und Geheimdienstabteilungen ein, die wiederum nicht selten zu gegenseitigen Morden führen. Haddad bringt sogar eine selten gekannte Ironie auf, wenn er beschreibt, wie solche Toten im Machtzirkel ihren Familien gegenüber zu Märtyrern erklärt wurden, die angeblich gewissenlosen Islamisten zum Opfer gefallen sind. Um solche Versionen glaubhaft zu machen, werden auch einmal Schulen nach ihnen benannt.

Ein Kontinuum in Haddads Werk begegnet uns auch hier: Die Frage nach Gott. Wer glaubt woran, und aus welcher Motivation heraus? Kann Gott überhaupt existieren und kann man seinen Glauben an ihn verlieren? Solche Fragen diskutieren hier nicht nur fromme Leute aus dem Volk, deren Familien ausgelöscht werden, sondern auch Armeeoffiziere, die nach einem arbeitsreichen Hinrichtungstag zusammen eine Flasche Johnny Walker leeren, Geheimdienstfunktionäre, in denen sich ein Gewissen regt oder Gefangene im Knast von Palmyra, die kein anderes Schicksal zu erwarten haben als die eigene Hinrichtung.

Zeitlos und weit über Syrien hinausweisend ist die Beschreibung eines Stasi-Regimes, die hier immer anhand von Einzelschicksalen und dem Handeln von skrupellosen Charakteren erfolgt. Die Spannung im Buch bricht schon deswegen nicht ab, weil man zumindest immer wissen will, wie es mit dem Arzt und seinem geretteten Sohn einerseits und dem Hauptmann andererseits weitergehen wird (gegen Ende kehrt der Sohn mit seinem leiblichen Vater nach Hama zurück). Ebenso wenig kann man von Stellen wie der lassen, wo Sulaiman zum ersten Mal ins Allerheiligste des Präsidentenpalastes vorgelassen wird und dem Präsidenten senior persönlich begegnet. Auch hier verliert jemand seinen Glauben: Den an die Allmacht und Weisheit des „Präsidenten auf ewig“, so sein damaliger offizieller Titel in Syrien.

30 Jahre umfasst der Handlungszeitraum dieses bemerkenswerten Romans von Fawwaz Haddad, und er greift in Exkursen bis ins Jahr 1970 aus. Er kann dadurch nicht kurz sein, und er muss zudem politische Entwicklungen in Syriens Nachbarschaft mit aufnehmen: Den libanesischen Bürgerkrieg etwa, den das Assad-Regime zum Anlass nahm, seinen Einfluss auszuweiten und durch den Sulaiman ein weiteres Mal aufsteigt.

Einen besonderen Sog entwickeln die Szenen, in denen die hohen Militärs des Assad-Regimes sich 2011 auf die Entwicklungen im Gefolge der Umstürze in Tunesien und Ägypten vorbereiten. Sulaiman macht sich zu Recht Sorgen: Dem Volk ist nicht zu trauen, und wenn man ihm Zugeständnisse macht, wird das Regime, das auf Ausplünderung und Privilegien beruht, ins Wanken geraten, zudem würde eine unabhängige Justiz jemanden wie ihn nicht schonen. Alles hängt nun am Präsidenten junior. Wird er in seiner lange erwarteten Rede auf die Forderungen des Volkes eingehen? Für diesen Fall kündigt Sulaiman im engen Kreis an, er werde ihn persönlich liquidieren. Haddad beweist hier eine mutige und zugleich doch wieder realistisch anmutende Fantasie!

Doch Assad erklärt den Aufstand öffentlich zu einer von außen gesteuerten Verschwörung, die man hart niederschlagen werde. Das Massaker von Hama wiederholt sich in ganz Syrien, und Sulaiman ist scheinbar gerettet. Doch jemand hat seinen ausgesprochenen Mordplan auf Band mitgeschnitten; seine Konkurrenten im Apparat können ihn damit fein aus dem Weg räumen. Er wählt die Variante erzwungener Selbstmord.

„Die syrischen Feinde“ ist ein Roman über einen Staat, den die Bevölkerungsgruppe der Alawiten als Beute betrachtet, der durch Berufskorrupte von innen zerfressen wird, und über einen in jeder Hinsicht schwachen Präsidenten, der eher gesteuert wird denn dass er selbst entscheidet, der aber auch nicht die Größe hat, sich seinen Generälen entgegenzustellen. Hier wird zugleich erklärt, welche Rolle jene Alawiten, denen Assad entstammt, in Syrien spielen, und warum sie ehrliche Angst davor empfinden, die Macht aus der Hand zu geben. Selbst Intellektuelle der Volksgruppe können sich dem Konfessionalismus nicht entziehen. Der im Grunde regimekritisch eingestellte Arif drückt es so aus: „Der Präsident ist ein Produkt des Regimes, und egal wer von beiden Zugeständnisse macht, verlieren werden sie beide. Und die Alawiten sind, ob sie wollen oder nicht, in ihrer Gesamtheit Teil dieses Regimes.“

Der Aufbau ist in seinem Wechsel zwischen der Erzählperspektive Erste Person und Allwissender Erzähler immer nachvollziehbar. Auch Liebe ist im Spiel, wenn auch überwiegend in der Variante Eifersucht, Rachsucht und Vorteilssuche. Die erste Geliebte Sulaimans, die dessen Avancen nicht erwidert, weiß nicht, dass sie damit dazu beitragen wird, Assads Macht abzusichern, denn Sulaimans Verrat ist nichts anderes als Rache an ihrem Vater, der die Heirat nicht zugelassen hat. Und Lamis weiß nicht, dass ihr erster Freund von einem Geheimdienstoffizier zum Krüppel gemacht wurde, ebenso wenig, dass ihr zweiter Freund nicht von Islamisten, sondern von Kollegen aus dem Apparat liquidiert wurde. Immerhin ist sie es nun, die Männer für ihre Zwecke nutzt. Sulaiman ist nur einer von vielen ihrer Geliebten, und seine Rolle ist es, ihr einen schwunghaften Schmuggelhandel zu ermöglichen.

Die arabische Kritik hat Haddads Werk begeistert kommentiert und ihn als ein Epos des modernen Syrien bezeichnet. Es ist ein fiktiver Roman in 19 Kapiteln, der nicht näher an der Wirklichkeit sein könnte. Syrien ist nicht nur eines von zwanzig arabischen Ländern, es ist das Mentekel des zivilisatorischen Absturzes einer Weltregion, der auch den Westen verändern wird, nicht nur durch die immer zahlreicher einströmenden Flüchtlinge.

 

 


Ein Roman aus dem Sudan als Augenöffner

Abdelaziz Baraka Sakin ist einer der aktivsten und gefragtesten Autoren des Sudan und der arabischen und afrikanischen Welt. Vor vier Jahren nahm seine Bedrohung durch die sudanesische Staatssicherheit so zu, dass er sein Land verlassen musste. Er lebt heute als Flüchtling in Saalfelden, Österreich.

Unter den Hauptprotagonisten seines Romans Der Messias von Darfur (2013 auf Arabisch erschienen, der fünfte Roman des Autors) sind eine Frau und ein Mann. Beide sind Opfer von Regimewillkür und kämpfen gegen die Armee und deren Söldner, die berüchtigten Djandjawid – allerdings auf höchst unterschiedliche Art. Während die Kriegswaise mit dem Männernamen Abdarrahman sich für den bewaffneten Kampf entscheidet, um Rache für ihre von den Milizen getöteten Familie zu nehmen, steht der Wunder wirkende „Messias“ für gewaltlosen Widerstand und Liebe und gewinnt schließlich die Herzen der Bevölkerung wie der Soldaten – und der Leser, denn der realistische Optimist Baraka Sakin hebt die trostlose Realität des Krieges im Sudan damit auf eine magische Stufe. Zugleich nimmt der Autor so Bezug auf eine Konstante der sudanesischen Geschichte, denn seit Jahrhunderten kennt das Land eine lange Reihe von selbsternannten Propheten, die mal als „Messias“, mal als „Mahdi“ von sich reden machten und von denen manche durch Aufstände berühmt wurden und auf dramatische Weise Geschichte schrieben.

Sakins Roman kann allen, die sich für den Sudan interessieren, die Augen öffnen, denn er erklärt während des Erzählens wie beiläufig komplexe Sachverhalte wie das bittere Vermächtnis der über Epochen praktizierten Sklaverei und die Geschichte und die politischen Verwerfungen des Sudan seit der Mahdi-Herrschaft, er berichtet, wie das Regime den Krieg unter Zuhilfenahme der Djandjawid-Milizen nach Darfur getragen hat, beschreibt Traditionen und Aberglaube im Alltag und erzählt davon, was starke Frauen im Sudan bewirken und wie die Menschen des Landes sich nach Frieden sehnen.

Ein Buch nur für Sudanfans ist der Roman gleichwohl nicht. Er verkörpert vielmehr Antikriegsliteratur, die beispielsweise neben Ken Saro-Wiwas Sozaboy bestehen könnte. Zugleich ist er nicht düster und belehrend, sondern von Humor und großer Menschlichkeit geprägt. Zahllose arabische Kritiken und Leserkommentare zeugen davon, welchen Nerv Baraka Sakin beim Publikum getroffen hat und welche Katharsis sein Buch bei vielen Lesern auslöst.

Ein Teil seiner bisher zehn Romane wurde schon in andere Sprachen übersetzt, darunter „Al-Django“ über sudanesische Landarbeiter ins Englische für Africa World Press, und auch der „Messias aus Darfur“ wurde bereits ins Englische übertragen. Die französische Fassung soll bei Éditions Zulma erscheinen, die deutsche harrt noch einer verlegerischen Zusage.

Abdelaziz Baraka Sakin – Stationen

Geboren 1963 in Kassala, Sudan. Seine Mutter entstammte den Kuka Bani Hassan, die an den Ufern des Chari in Tschad siedelten, jedoch reiste bereits ihr Vater nach Äthiopien, von wo er 1930 in das grenznahe Kassala umzog. Als Soldat der sudanesischen Armee diente in ebenjener Stadt auch Sakins Vater. Dieser gehörte zum Volksstamm der Massalit in Darfur, und das Massalit war die erste Sprache, die Sakin erlernte.

Im südlich von Kassala gelegenen Gadarif ging Abdelaziz Baraka Sakin zur Grundschule. Anschließend wechselte er auf ein Gymnasium in Khashm al-Qirba, später auf das in New Halfa. Es folgte ein Studium der Betriebswirtschaft in Assiut, Ägypten, während dessen der Autor zur Finanzierung seines Studiums Jobs in der Landwirtschaft und als Kanalarbeiter annahm. Zurück im Sudan wurde Sakin zunächst selbst Lehrer an seinem Gymnasium von früher in Khashm al-Qirba.

Von 2000 bis 2007 arbeitete Sakin für Plan Sudan, eine unabhängige internationale Organisation zum Schutz von Kindern. Zudem beriet er in Darfur das UNICEF-Hilswerk und andere Kinderhilfs- und Entwicklungsorganisationen.

Um 2000 begann Abdelaziz Baraka Sakin auch seine literarische Karriere. Seine Mutter vertritt die Ansicht, ein kleiner Teufel, der im Haus der Familie gewohnt habe, flüstere ihm die Geschichten ein, die er schreibt. Sakin trat dem Sudanesischen Schriftstellerverband bei, der als politisch unabhängig galt und wohl deshalb Anfang dieses Jahres per Regierungsbeschluss verboten wurde. Bereits lange zuvor wurden die meisten seiner Bücher im Sudan verboten.

Sakin sagt dazu: „Ich bin meiner Menschlichkeit verpflichtet, und ich schreibe über einfache Menschen und ihre Träume und Hoffnungen. Ich schreibe über die Vergessenen, über Kranke und Bettler, Schnapsbrauerinnen und Huren, Homosexuelle und Verrückte, Saisonarbeiter und selbsternannte Propheten. Ich schreibe für Frieden und Freiheit, aber den Zensoren ist das nicht recht…“

Nach dem Tod seiner Ehefrau im Sudan holte er seine beiden Söhne (14 und 18 Jahre) nach Österreich nach und lebt heute mit ihnen in Saalfelden am Steinernen Meer.

 

 


Shukri al-Mabkhout: Der Italiener

Roman, Kairo: Dar al-Tanweer, 2015

Dass der heurige Arabische Booker-Preis an den bis anhin unbekannten tunesischen Autor Shukri al-Mabkhout ging, überraschte wohl auch die Geldgeber am arabischen Golf, denn das Buch war in den Vereinigten Arabischen Emiraten zunächst als verboten gelistet – bis man, um sich weitere Peinlichkeiten zu ersparen, das preisgekrönte Werk dann doch eilig freigab. Immerhin, der Reiz des Verbotenen war da und machte zusätzlich neugierig darauf, was einem Teil des arabischen Lesepublikums hier ursprünglich vorenthalten werden sollte.

Was wir von diesem Roman als erstes lernen ist, dass man schöne Männer in Tunesien angeblich Italiener (arabisch-umgangssprachlich „Tilyani“) nennt. Im Mittelpunkt dieses Romans steht entsprechend der von Frauen stets umschwärmte „Italiener“ Abdel-Nasser, der in einem frappanten Auftritt auf den ersten Seiten während der Beerdigung seines Vaters vor versammelter Trauergemeinde den Imam, der den Toten soeben zur Ruhe setzen will, in wilder Raserei blutig schlägt. Dieser Ausbruch des erklärten Atheisten bleibt zunächst allen Anwesenden ein peinliches Rätsel.

Wir lernen den Hauptprotagonisten im Rückblick als einen ursprünglich linksradikalen Utopisten und Aktivisten kennen, der über die Jahre mehr und mehr seinen Frieden mit den Verhältnissen in Tunesien macht und zugleich – vergeblich – seinen privaten Frieden sucht.

Historisch umspannt die Erzählung die Phase von der Herrschaft des tunesischen Republikgründers Habib Bourguiba (bis 1987) bis zur Konsolidierung der Präsidentschaft des gegen ihn putschenden Zein al-Abidin Ben Ali um 1990. Diese begrenzte Zeit wird jedoch so detailliert und treffsicher beschrieben, dass die Diskurse und Konflikte im Mutterland der arabischen Revolutionen von 2011 so verständlich werden, dass man die Revolution förmlich vorausspürt. Dass auch der Autor Mabkhout nicht der Versuchung erliegt, die weithin bekannte spätere Vertreibung Ben Alis durch Volksaufstand literarisch zu verarbeiten, ist keine Schwäche: Der arabische Schlüsselroman zu den Ereignissen von 2011 wird wohl noch ein paar Jahre auf sich warten lassen, denn noch sind die Umbrüche der arabischen Länder nicht abgeschlossen, und noch ist auch Tunesien trotz demokratischer Errungenschaften noch nicht auf der sicheren Seite.

Mit seiner Darstellung der Mechanismen der Ben-Ali-Ära erweist Mabkhout den Tunesiern gleichwohl einen großen Dienst – während er zugleich einen Roman vorlegt, der sich zwischen einer universal verständlichen Stasi-Dokumentation und den Abgründen der amourösen Verwicklungen des Protagonisten Nasser bewegt. Es ist ein kompromisslos moderner und ganz und gar „untypischer“ arabischer Roman – wobei mittlerweile die meisten arabischen Romane genau das sind, nur dass dies im Westen kaum jemand mitbekommt.

Das Buch lebt von der erzählten Atmosphäre, von der Entwicklung des Hauptcharakters, aber auch von der Manieriertheit und zuweilen der Pedanterie des Erzählers, der sich keiner Nachlässigkeit bei Details, Metaphern und Intertextualität und schon gar nicht bei seinen weit geschwungenen, aber stets exakt strukturierten Sätzen schuldig machen will. Sein Arabisch ist wie ein teurer, lange gereifter Wein, wie man es heute nur bei wenigen Schriftstellern findet und das dennoch seine nordafrikanische Verortung durch landestypische Vokabeln und Wendungen nie verleugnet.

An der Universität wird Nasser einer der führenden Köpfe der linksradikalen Studentenbewegung, die sowohl Zusammenstöße mit den erstarkenden Islamisten als auch mit dem Staatsapparat zu gewärtigen hat und auch deshalb gesellschaftlich marginal bleibt. Aber in einer radikalen Bewegung ist die Bewegung die Welt, und in diese Welt tritt Zeina, eine Philosophiestudentin vom flachen Land, die zu einer Wortführerin der Bewegung aufsteigt und die Nasser mit ihrer berberischen Schönheit ebenso betört wie mit ihren abstrakten, aber logisch immer wasserdichten Exkursen. Debatten um die Soziologie Bourdieus entspinnen sich unter den Studierenden ebenso wie um die Stellung von Mao oder Lenin als Leitfiguren oder Irrwege der erhofften Weltrevolution.

Einen großen Teil der Erzählung über Nasser und Zeina nimmt beider Diskussion darüber ein, ob das, was zwischen ihnen ist, Liebe sei. Zeina hat Vorbehalte. Sie ist mit einer brutalen Vergewaltigung vorbelastet, derer sie ihren Vater bzw. ihren Bruder verdächtigt. Doch um nach dem Abschluss an der Uni unterrichten zu können, müssen die beiden heiraten (sie begnügen sich mit einer Zivilehe). Fast voraussehbar, entfremden sie sich zusehends, wenn auch quälend langsam, voneinander.

Nasser wird Journalist in einer staatlichen Zeitung, in der er nicht mehr unabhängig bleiben kann; die Zensur verlangt ihm erniedrigende Verrenkungen ab. Doch die zunehmende islamistische Gefahr lässt viele Intellektuelle eine Verbrüderung mit dem Regime als das kleinere Übel erscheinen. Auch die ehemals radikale Zeina wird zu einer Verehrerin des „Retters“ Ben Ali.

Während Zeina ihre Zulassungsprüfung vorbereitet, macht sich Nasser ihre Cousine Najla gefügig. Daraus wird eine zweite große Liebesgeschichte und im Roman zudem eine der längsten, poetischsten und mutigsten Liebesszenen der modernen arabischen Literatur. De facto ergibt sich eine heikle Dreierbeziehung, die wiederum nur scheitern kann.

Während die Atmosphäre in Tunis sich verändert, Kriminelle zunehmend den Ton angeben und Islamisten mit immer mehr Moscheen immer mehr Menschen an sich ziehen, wird Zeina eröffnet, sie habe die Prüfung nicht bestanden. Es gelingt ihr nicht, die Unileitung davon zu überzeugen, dass ihr Scheitern nur auf ihre Weigerung zurückzuführen war, dem Professor Sex zu gewähren. Für sie ist diese vernichtende Demütigung der Ausschlag, Tunesien den Rücken zu kehren – in Paris wartet ein betagter Verehrer auf sie, der sie zwar hingebungsvoll liebt, mit dem sie aber auf den großen Traum der akademischen Karriere verzichten muss. Für Nasser zerbricht unterdessen der lezte Traum von erfüllter Liebe.

Nach dem Scheitern der Ersatzbeziehung mit Najla wird Nassers Verhalten immer krankhafter. Seine neueste Beute ist eine junge Studentin, die er durch Karriereversprechungen an sich binden will. Doch er scheitert kläglich mit ihrer Eroberung, als ihm eine Szene aus seiner Kindheit gewahr wird, mit der sich denn auch die Friedhofsszene vom Anfang des Buches erklärt.

Die Protagonisten dieses Romans scheitern an der Unmöglichkeit der Liebe und an den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Shukri al-Mabkhout hat mit dem „Italiener“ ein Werk vorgelegt, das in diesem Jahr verdientermaßen den großen Preis gewonnen hat.

 


 

Ezzedin Choukri Fishere: Notausgang. Kairo im Jahr 2020

Ein düster-ironischer Zukunftsroman aus Ägypten

Der Sohn einer Diplomatenfamilie aus Kairo wird, während sein Vater in Peking als Botschafter tätig ist, als Sprachgenie nebenher zum Chinesisch-Dolmetscher und wird in dieser Eigenschaft nach der Rückkehr des Vaters nach Kairo dort im Präsidentenamt tätig. Aus der Warte der Staatsmacht erlebt er die Januar-Revolution von 2011 und die anschließende Machtübernahme der Muslimbrüder. Ab diesem Zeitpunkt (der Roman entsatnd 2012) wendet sich die Handlung des Romans in die Zukunft, und Fishere erweist sich als literarischer Prophet: Militär- und Geheimdienstkreise putschen die Islamisten von der Macht, und ein Präsident folgt auf den nächsten, von denen jedoch keiner in der Lage ist, die massiven Probleme Ägyptens unter Kontrolle zu bekommen. Als ein kurzer Krieg mit Israel ausbricht und Ägypten ein Bündnis mit Iran eingeht, sieht der mittlerweile zum Präsidenten aufgestiegene Schwiegervater des Protagonisten seine Chance, indem er in Nordkorea „ein paar kleine Atombomben“ bestellt, mit denen er den Erzfeind beschießen und seine Popularität steigern will. Der Dolmetscher ist beauftragt, diesen Deal zu begleiten und gleichwohl entschlossen, ihn an die Amerikaner zu verraten, um der Region eine nukleare Katastrophe zu ersparen. Damit entscheidet er sich zugleich dazu, von der Seite der Macht auf die Seite des Volkes zu wechseln, auf die er sich durch eine Liebesgeschichte mit einer Schauspielerin bereits begeben hat.

Die 400 Seiten des Buches sind im Wissen um die Lebensgefahr der Atom-Mission als Brief an den Sohn des Diplomaten gerichtet, der nach der Trennung der Eltern bei der Mutter verblieb. Das Ergebnis ist ein hellsichtiges literarisches Meisterwerk, das ohne große Übertreibungen auskommt und doch immer wieder großen Humor und viel psychologisches Gespür beweist – von tiefgehenden Kenntnissen über Staat und Gesellschaft Ägyptens ganz abgesehen.

Günther Orth